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Quelle: Florian Trykowski | CC BY-SA 4.0 International

Hessens Städte im Aufbruch

Wie bleiben Innenstädte in Zeiten von Onlinehandel und Klimawandel weiterhin attraktiv? Diese Frage beschäftigt den Tourismus und die Stadtentwicklung gleichermaßen.

Ein reichhaltiges Kulturangebot, vielfältige Gastronomie, spannende Architektur, pulsierendes Nachtleben: Die hessischen Städte ziehen jedes Jahr zahlreiche Gäste an. „Die Städte sind ein entscheidender Impulsgeber für den Tourismus“, betont Yvonne Heider, Geschäftsführerin des Hessischen Touris musverbands. „Der Städtetourismus trägt zu einer hohen Wertschöpfung bei, denn er stärkt die lokale Wirtschaft – vor allem den Einzelhandel, die Gastronomie und die Hotellerie, aber auch kultur- und freizeittouristische Betriebe.“

Gleichzeitig sehen sich die Städte mit einigen aktuellen Herausforderungen konfrontiert. „Eines der großen Themen ist die Belebung der Innenstädte“, sagt Dr. Kerstin Grünenwald. Sie betreut im Bereich Städtebauförderung der Hessen Agentur die nachhaltige Stadtentwicklung. „Ein verändertes Einkaufsverhalten und Onlineshopping führen seit Jahren zu einem großen Preisdruck. Dieser Trend wurde durch Corona noch einmal beschleunigt: Es kommt zu Leerstand, die Laufkundschaft wird weniger, Gaststätten schließen – und die Aufenthaltsqualität nimmt ab. Dem wirken unsere Städte mit neuen Konzepten tatkräftig entgegen.“

Zwei Personen sitzen auf einem Baumstamm vor einem CaféQuelle: HA Hessen Tourismus | CC0 1.0 Universal

Die klassische Innenstadt, die nur auf Handel zugeschnitten ist, funktioniert nicht mehr. Es braucht kreative Lösungen, um Ortskerne so attraktiv zu gestalten, dass sie das pulsierende Herz der Kommunen bleiben. „Innenstädte müssen multifunktional und breit aufgestellt sein, was Angebots- und Erlebnispotenziale betrifft“, bekräftigt Dr. Grünenwalds Kollege Sebastian Vollweiler. „Städte sollten in diesem Zuge auch an ihrer Unverwechselbarkeit und gegen den Trend der Filialisierung arbeiten.“ Die Stärkung der urbanen Zentren fördert dabei nicht nur die Lebensqualität der einheimischen Bevölkerung, sondern ist auch ein entscheidender Faktor für den Städtetourismus. „Für die Stadtentwicklung ist ganz wichtig, die Identität und die Authentizität nach außen zu zeigen“, weiß Heider. „Besucher müssen durch lokale Angebote und Gastronomie merken: ‚Wo bin ich hier?‘ Dafür braucht es smarte Stadtentwicklungskonzepte, die den lokalen Handel stärken und authentische Vor-Ort-Erlebnisse gewährleisten.

Engagement und Unterstützung

Am Willen und an Ideen mangelt es den Städten meist nicht. Aber: „Die finanzielle Situation der Kommunen ist angespannt, hinzu kommen steigende Baukosten“, weiß Vollweiler. „Es ist daher essenziell, die Kommunen mit Investitionsmöglichkeiten auszustatten. Zum Glück gibt es dafür einige Programme.“ So werden zum Beispiel 38 Städte aus Hessen in dem Bund-Länder-Städtebauförderprogramm „Lebendige Zentren“ gefördert. Während der Laufzeit von zehn Jahren können jährlich Förderanträge gestellt werden, um einzelne Projekte und Klimamaßnahmen zu initiieren. „Das Programm ist auf einen längeren Zeitraum ausgelegt“, erklärt Vollweiler. „Um teilzunehmen, müssen die Städte ein integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept mit einer Innenstadtstrategie aufsetzen.“

In Heppenheim konnte beispielsweise durch die Förderung ein lange Zeit leerstehendes, denkmalgeschütztes Kaufhaus umgewidmet werden und beherbergt nun die städtische Musik schule. „Jetzt gehen wieder Leute ein und aus, und umliegende Geschäfte profitieren von der Laufkundschaft“, freut sich Vollweiler.

Auch Marburg nimmt am Programm teil und bringt die klimagerechte Umgestaltung des öffentlichen Raums um den Lutherischen Kirchhof voran. „Die Marburger Altstadt mit ihren vielen Gassen ist stark versiegelt. Durch die Förderung soll nun mehr Grün in die Stadt kommen: mit Entsiegelung, Versickerung, Baumrigolen, Begrünung von Fassaden und Dächern“, erzählt Dr. Grünenwald. „Im Rahmen eines Wettbewerbs wurde eine Toolbox entwickelt, damit Marburg sich langfristig zur Schwammstadt entwickeln kann.“ Seit 2021 gibt es in Hessen zudem das landeseigene Innenstadtprogramm „Zukunft Innenstadt“, das gemeinsam vom Wirtschaftsministerium und dem Bündnis für die Innenstadt initiiert wurde mit dem Ziel, kurzfristige Impulse in Innenstädten und Ortskernen zu aktivieren. „Dabei geht es um innovative Maßnahmen mit schnellen und sichtbaren Erfolgen, die mit einem vergleichsweise kleinen Budget realisiert werden können“, erläutert Vollweiler. „127 Kommunen haben mitgemacht und viele Maßnahmen aus der Taufe gehoben, von der Aufwertung öffentlicher Plätze über Events und Stadtfeste bis zum Umbau von Geschäften zu belebten Orten, zum Beispiel für ein Künstlerkollektiv. Das Programm ermöglicht Flexibilität und Raum zum Experimentieren.“

Zur Unterstützung von Veranstaltungen und ehrenamtlichen Initiativen gibt es den jährlich stattfindenden Landeswettbewerb „Ab in die Mitte“. Aus rund 80 Bewerbungen erhielten in diesem Jahr 20 Preisträger Förderprämien bis zu 20.000 Euro. „Hier zeigt sich, wie engagierte Bürgerinnen und Bürger ihre Innenstadt selbst gestalten können“, so Dr. Grünenwald, die auch Mitglied der Jury ist. „Es ist toll, mit wieviel Engagement und Herzblut die Städte und Gemeinden und unglaublich viele Einwohner ihre Projekte vorantreiben.“

Die einzelnen Programme ergänzen sich gegenseitig, um die Funktionsvielfalt der Innenstädte zu erhöhen. „Der Handel hat weiterhin eine Ankerfunktion, ist aber nicht mehr Schwerpunkt“, erläutert Dr. Grünenwald. „Kinderbetreuung, Freizeitangebote, Tanzkurse, Künstlerworkshops, Klettereinrichtungen, Arztpraxen, Bildung – all das erhält das Leben unserer Innenstädte. Wir alle müssen etwas dafür tun und die Innenstadt als unser eigenes Potenzial ansehen.“

Eine zentrale Frage, die viele Städte und Gemeinden umtreibt, ist, wie in nicht mehr genutzte Handelsobjekte wieder Frequenz hineingebracht werden kann. In Hanau sicherte man sich mittels Vorkaufsrecht eine ehemalige Galeria Filiale und entwickelte ein ausgeklügeltes Konzept. Im März konnte bereits das Erdgeschoss eingeweiht werden: Neben der klassischen Handelsnutzung und gastronomischen Angeboten gibt es hier auch einen konsumfreien Ort mit einer kleinen Bühne für Kulturveranstaltungen. Ins Obergeschoss ist eine Berufsakademie eingezogen und bringt somit das Thema Bildung in die Innenstadt.

Programme und das Netzwerk im Überblick

Weitere Informationen zu den vor gestellten Programmen und zum Netzwerk „Nachhaltige Stadtentwicklung in Hessen“ finden Sie unter den folgenden Links:

Baukultur sorgt für Einzigartigkeit

Die neuen Innenstadtkonzepte und Angebote steigern nicht nur die Aufenthaltsqualität, sondern unterstreichen die Einzigartigkeit der Kommunen. Was zusätzlich zur Unverwechselbarkeit beiträgt, ist die Baukultur. „Sie spielt eine entscheidende Rolle“, betont Dr. Grünenwald. „Die Architektur prägt das Gesicht unserer Städte und hat zu dem eine starke soziale Komponente. Der öffentliche Raum nimmt Einfluss auf unser Wohlbefinden und unsere Identität.“ Er ist Anziehungspunkt für Touristen aus Nah und Fern. „Man besucht eine Stadt, weil es etwas zu sehen gibt“, so Dr. Grünenwald. „Auch hier wirken Synergien: Historische oder sehenswerte moderne Bauten steigern zum Beispiel auch die Identifikation der Einwohner mit ihrer Heimat und verleihen der Stadt ein Alleinstellungsmerkmal von touristischer Relevanz.“ Umso wichtiger ist es, einzigartige Baukultur zu erhalten und zu stärken. „Das muss unbedingt unterstützt werden, auch finanziell“, ergänzt Vollweiler. „Mithilfe der Städtebauförderung konnten zum Bei spiel in Fulda historische Barockbauten erhalten und modernisiert werden.“ Die Landesinitiative +Baukultur in Hessen sensibilisiert mit Wettbewerben und Informationen für viele gute Projekte

Eine altere Dame erklärt in alten Gemäuern zwei Personen ein Ausstellungsobjekt .Quelle: HA Hessen Tourismus

Mit guten Ideen dem Klimawandel begegnen

Grundsätzlich spielen bei Fragen rund um die nachhaltige Stadtentwicklung in Hessen Maßnahmen zur Klimaresilienz eine wesentliche Rolle. „Die hohe Versiegelung in vielen Innenstädten führt zu Hitzeinseln im Sommer. Das ist eine große Herausforderung“, weiß Dr. Grünenwald. „Wir brauchen mehr Grün und Wasserflächen, müssen aber auch Gebäude energieeffizienter ausstatten und Vorkehrungen gegenüber Starkregen treffen.“ Die klimatischen Veränderungen stellen auch den Tourismus vor Herausforderungen. „Hitzewellen im Sommer lassen das Interesse an Städtereisen sinken“, sagt Heider. „An Hitzetagen fährt man nicht unbedingt in eine Stadt.“ Hessens Verbindung von urbanem Lebensraum und märchenhaftem Land leben auf kurzen Wegen sollte daher noch viel stärker genutzt werden. „Die Vernetzung von Stadt und Umland ist ein sehr wichtiger Faktor“, sagt Heider. „Besucher auf einem Städtetrip in Hessen wollen wir stets auf das Angebot im Umland aufmerksam machen. Dann geht es mit dem Leihrad über idyllische Radwege an der Lahn entlang, von Fulda auf die Wasserkuppe, oder aus Wiesbaden wird zu einer Weinwanderung gestartet.“

Im Austausch wachsen

Für eine nachhaltige Stadtentwicklung mit einem zukunftsgewandten Tourismus gibt es demnach viel zu tun. Um Kommunen darin zu unterstützen, wurde das Netzwerk „Nachhaltige Stadtentwicklung in Hessen“ ins Leben gerufen. „Über 60 Kommunen sind bereits Mitglied“, freut sich Vollweiler, der das Netzwerk betreut. „Wir organisieren Erfahrungsaustausche, in denen Ideen angeregt und weitergeben werden. Bei aller Individualität der hessischen Städte gibt es dennoch eine große Schnittmenge an Themen, die alle beschäftigen. Gemeinsam im Verbund können wir ihnen viel besser begegnen.“ Aus einem ähnlichen Grund hat der Hessische Tourismusverband zehn hessische Städte zu einem Erfahrungsaustausch angeregt. Die Runde kommt in regelmäßigen Abständen zusammen und beratschlagt über aktuelle Entwicklungen. „Das ist einerseits die Veränderung der Rahmenbedingungen, zum Beispiel neue Strategien des Landes Hessen, und auf der anderen Seite konkrete Herausforderungen, wie etwa Sicherheitsvorkehrungen bei Großveranstaltungen“, erläutert Heider. Wer außerdem mit ins Boot geholt werden sollte, ist die Bevölkerung. „Wir müssen klar kommunizieren, dass ein Großteil der touristischen Infrastruktur auch für Einheimische nutzbar ist“, berichtet Heider. „Radwege, eine Museumseröffnung oder ein Gastronomiebetrieb sind eine Bereicherung für alle. Nicht zu vergessen: Es resultiert daraus Wertschöpfung, und Arbeitsplätze werden gesichert.“ Dass man Touristen und Gäste nicht isoliert von der einheimischen Bevölkerung betrachten darf, bekräftigt auch Dr. Grünenwald, denn: „Stadtentwicklung und Tourismus profitieren von gegenseitigen Synergieeffekten.“

Hinweis: Bei dem Beitrag handelt es sich um einen Artikel aus unserem B2B-Magazin AM.PULS. Mit AM.PULS. hat Hessen Tourismus ein hybrides Format für aktuelle Themen entwickelt, das ein Printmagazin mit einem Video-Blog verbindet.



Autorin: Theresa Ihl
Hessen Tourismus
Projektmanagerin Wissensmanagement
E-Mail: theresa.ihl@hessen-agentur.de
Website: www.hessen-tourismus.de
Telefon: +49 611 95017-8122
BEITRAG VOM:
10. September 2025

Kategorien:
AM.PULS.


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